ein akademisches Würfelspiel


Ich möchte Ihnen ein akademisches Würfelspiel vorstellen,
begonnen 1993, Ende: unbekannt
Name des Spiels: Das Studium der Geschichte

Mein Spielkapital:
30 Jahre Lebenserfahrung
eine Berufsausbildung als Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin
eine qualifizierte Englischprüfung
10 Jahre Berufserfahrung

nach dem Beschluss, zu studieren,
bleibe ich gleich am Start hängen
und muss drei Runden aussetzen:
mein Antrag auf ein Selbsterhaltungsstipendium
wird abgelehnt:
denn die Akademie für Sozialarbeit
gilt als staatlich gefördertes Studium

Fussnote 1:
ich bekomme kein Stipendium wegen des staatlich geförderten Sozialakademie-Studiums

Fussnote 2:
bei einer staatlichen Anstellung
wird die Sozialakademie nicht als Studium anerkannt,
dh. es gilt für mich nur das Matura-Schema

So lange am Start mache ich gleich eine Neubewertung meiner sonstigen Ressourcen:
eine billige Wohnung
viele Freundinnen und Freunde,
die mir je eine warme Mahlzeit pro Woche versprechen
ein paar Ersparnisse
keine Studiengebühren
Neugierde und Wissensdurst
ich fange also trotzdem an
und rücke wagemutig auf das erste Feld

Glücksfall 1-5

ein wegen meiner Englischkenntnisse gut bezahlter sechsmonatiger Halbtagsjob,
von dem ich zwei Semester leben kann
Referate zu meinen Forschungen,
Förderungsstipendium,
Leistungsstipendium,
AK-Stipendium,
d.h. insgesamt ca. 35.000 öS Stipendien, verteilt auf vier Jahre
20 Felder weiterrücken

erster Studienabschnitt und zweiter Studienabschnitt in Mindestdauer:
10 Felder extra vorrücken

Glücksfall 6

während des Schreibens der Diplomarbeit zum Thema: NS-Zwangssterilisationen
und deren Rechtfertigung in der zweiten Republik,
betreut von Prof. Dr. Edith Saurer und Prof. Dr. Wolfgang Neugebauer
wird mir die Mitarbeit im sogenannten Pernkopfprojekt,
einem Senatsprojekt der Uni Wien
zur Erforschung der anatomischen Wissenschaft 1938 – 1945 angeboten
das ist zwar ein Glücksfall, heißt aber gleichzeitig auch:
jede gewürfelte Zahl halbieren

ein völlig unerwarteter Joker:
vom Wiener Krankenanstaltenverbund bekomme ich
das erstmals verliehene Diplomarbeits-stipendium
zur Erforschung der NS-Euthanasie in Wien –
80.000 öS.
damit sind einige Monate konzentriertes Arbeiten an meiner Diplomarbeit möglich
zügiges Vorrücken ins erste große Zwischenziel,
den Abschluss des Diplomstudiums

ein Forschungsprojekt der
Kommission der Republik Österreich zum Vollzug des Opferfürsorgegesetzes,
die Bezahlung ist für Magisterium und Doktorat gleich
gewürfelte Zahlen verdoppeln

danach ein vom FWF gefördertes Forschungsprojekt zur anthropologischen Abteilung
des Naturhistorischen Museums Wien 1938-1945
Bezahlung nach FWF-Schema:
für eine volle Anstellung, 1100 Euro pro Monat netto,
da ich kein Doktorat habe.
gewürfelte Zahl halbieren

weil sich meine Tätigkeit im Forschungsprojekt nicht für eine Dissertation eignet:
20 Runden aussetzen.

vier Semester lang gemeinsam mit einem Kollegen:
eine Filmreihe am Institut für Zeitgeschichte zum Thema
Antisemitismus; Leni Riefenstahl; NS-Euthanasie; Paula Wessely
sehr interessant, aber unbezahlt
jede zweite Runde aussetzen

Angebot eines interessanten Lehrauftrags an der Uni Klagenfurt:
Bei einer Bezahlung von 900 Euro
für das gesamte Semester bliebe
nach Abzug der Kosten für Zug und Übernachtung kaum etwas übrig,
Deshalb: abgelehnt.
Weil das aber für die Karriere nicht förderlich ist:
3 Runden aussetzen und nachdenken.

Mit Glück aber auch viel Mühe organisiere ich
die verschollen geglaubten Akten
des NS-Erbgesundheitsgerichtes Wien
jenem Gericht, das zwischen 1940 und 1945
über eine Zwangssterilisation von Menschen entschieden hat
und beschließe, meine Dissertation darüber zu schreiben

motivierende Unterstützung von Prof. Dr. Saurer und Prof. Dr. Neugebauer,
5 Felder vorrücken.

ich fange neben meiner Arbeit im FWF-Projekt an, diese Akten in eine Datenbank einzugeben.
Pro Runde nur ein Feld weiterrücken.

inzwischen sind Studiengebühren zu bezahlen:
jede dritte Runde aussetzen
für jene Semester, in denen wegen Sparmaßnahmen kein DissertantInnenseminar stattfindet, beantrage ich mit Unterstützung der ÖH die Befreiung von der Studiengebühr
erwartungsgemäß wird der Antrag abgelehnt.
das nimmt viel Zeit in Anspruch: zwei Runden aussetzen

Nach Förderungen für die Dissertation erkundigen:
zwei weitere Runden aussetzen
Fazit: ich bin zwar qualifiziert, aber zu alt für die Stipendien von Akademie, IFK, usw.

Das FWF-Projekt endete im August 2004,
Glücksfall Nr. 6: eine Abfertigung

ich habe Anspruch auf Arbeitslosengeld.
aber: es ist nur in Ausnahmefällen möglich,
inskribiert zu sein und Arbeitslosengeld zu beziehen.
zwei Runden aussetzen zur weiteren Klärung

Langweile ich Sie schon?
Haben Sie noch den Überblick, wo ich am Spielfeld stehe
und vor allem: sehen Sie das Ziel noch?
Fragen Sie sich,
warum ich immer noch an meinem Vorhaben der Dissertation festhalte?
Wundern Sie sich, warum die AkademikerInnenquote so niedrig ist?

Und es gibt noch einmal einen Joker...

Soviel Glück war in den Spielregeln eigentlich gar nicht vorgesehen....

Vom Wiener Krankenanstaltenverbund
erhalte ich auch das Dissertationsstipendium
zur Erforschung der NS-Psychiatrie in Wien.
Weil in der Ausschreibung zum Glück keine Altersgrenze vorgesehen ist.
11.600 Euro.
Zumindest für die nächsten Monate ist die Finanzierung meiner Dissertation gesichert.
20 Felder weiter, das Ziel kommt in Sichtweite.

Wie ich die letzten Felder schaffen werde,
kann ich Ihnen heute noch nicht sagen.
Ich denke aber,
dass meine wissenschaftliche Neugierde,
meine große Freude,
in einem Archiv, einer Bibliothek
oder an meinem Schreibtisch zu arbeiten,
mich vorantreiben werden.

Wie anstrengend und zeitraubend die vielfältigen Hindernisse
in diesem akademischen Würfelspiel sind,
und wieviel Glück
zu deren Überwindung notwendig ist,
hoffe ich, Ihnen hiermit verdeutlicht zu haben.

Nachdem das Glück aber bekanntermaßen
ein Vogerl ist,
darf es kein Kriterium
für die Anhebung der niedrigen AkademikerInnenquote in diesem Land sein.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Referat, gehalten im Rahmen der Tagung
"Das Doktoratsstudium in Österreich. Nationale Positionierungen im Kontext europäischer Entwicklungen. "Veranstaltet von der Österreichischen Rektorenkonferenz und dem BM für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Freitag, 12.11.2004, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

Der Text ist publiziert in: Zeitgeschichte 33 (2006) Heft 5, S. 287-290.